Ein besonderer Saft: Tinte

von Michael Krämer

Tinte von Online-Schreibgeräte

Außergewöhnlich: Orangene Tinte von Online-Schreibgeräte. Foto: Online

Teufel sind geizig. Wenn sie eine Unterschrift einfordern, dann eine mit Blut. Mit dem Blut des armen Opfers. Das kostet nix. Nur ein kleiner Schnitt in den Finger, und schon konnte man schreiben. Manche Dichter haben das Prinzip aufgegriffen: Else Lasker-Schüler, die expressionistische Dichterin hat öfter mit ihrem Blut unterschrieben, um deutlich zu machen, wie lebenswichtig ihr Texte waren. (Forscher haben das später zunächst für gelben Buntstift gehalten.)

Heute wäre Blut teurer. 270 € zahlen Krankenhäuser für 1 Liter Blut. Da wäre der Teufel schlecht dran.

Königsblaue Schreibtinte gibt es im Litergebinde heute bereits für etwa 20 €. Der Teufel schriebe also jetzt vermutlich königsblau. Oder auch nicht, denn der Vertrag wäre nicht viel wert: Dem Tintenkiller sei Dank. Den würde man nach dem Löschen der Tinte umdrehen und schön blau hinschreiben: Von mir nicht unterschrieben, blöder Teufel.

Aber, ja aber: Wer schreibt schon königsblau, außer in der Schule, wenn da noch geschrieben wird mit dem Füller. Tinten kosten heute mehr als Blut, wenn sie besonders sind: Je nach Hersteller und Farbe zwischen 20 und 600 € pro Liter. Und wenn Sie dann nur von weitem an Druckertinten denken: Da sind Sie – das wissen wir dank einer versehentlichen Anzeige in einem Elektronikmarkt – bei 3000 bis 8000 € pro Liter. Nicht Blut, sondern Tinte ist ein besonderer Saft.

Und woraus besteht nun dieser Saft: Zu 80 bis 90 Prozent aus Wasser. Wasser kostet pro Liter etwa 15 Cent, das ist dann schon Mineralwasser. Also kosten etwa 200 ml dessen, was die Tinte ausmacht, unendlich viel Geld. Rechnen Sie selbst nach: Wenn Sie dafür Sprit kaufen, kommen Sie einige tausend Kilometer weit. (Und wenn Sie anderen Sprit kaufen, sind sie im Koma.)

Allerdings gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen Sprit und Tinte: Verbrauchte Tinte verschmutzt die Umwelt nicht mit Abgasen. Sie können kilometerweit schreiben und was in die Luft geht ist allenfalls Wasserdampf.

Von Druckertinten schweige ich hier. Die haben mit den realen Kosten wenig zu tun und subventionieren die verbilligten Tintenstrahler. Ich rede hier von Schreibtinte. Die gibt es schon länger. Schon die alten Römer kannten Tinte, z.B. vom Tintenfisch. Die Farbe gibt es immer noch, Sie heißt auch so: Sepia -  also Tintenfischfarbe – auch wenn zumindest dafür keine Tintenfische mehr ihr Leben lassen (sondern als Eiweiß-reiche Gaumenfreuden).

Heute werden Tinten auf chemischem Weg hergestellt. Chemisch ging es bei der Tintenproduktion immer schon zu. Eisengallustinte zum Beispiel. Die Tinte besteht aus Eisenvitriol (Eisensulfat), Galläpfelabsud, Gummi arabicum sowie Wein oder Wasser. Es gab sie schon zu byzantinischen Zeiten. Ihren Siegeszug trat sie aber im europäischen Mittelalter an. Bis heute wird sie für manche wichtigen Dokumente genutzt. Aber Vorsicht: Füllen Sie möglichst keinen Füllhalter damit. Sie werden durch die ungelösten Pigmente auf die Dauer Probleme bekommen oder Sie müssen den Füller regelmäßig spülen. Aggressiv ist das Zeug auch noch. Der berüchtigte Tintenfraß wird durch diese Tinte ausgelöst. Tinte frisst Papier.

Die meisten heutigen Tinten dagegen sind wasserlöslich, lassen sich also leicht auswaschen. (Sauberkeit! Wer erinnert sich noch an die tintenverschmierten Finger der Schulzeit…)  Sie verbleichen oft leichter, besonders bei starker Lichteinstrahlung. Dafür gibt es sie in unabsehbar vielen Farben. Und in Flakons die jedem Parfum Ehre machen würden.

Tinte in diesem Sinne ist längst kein Alltagsprodukt mehr. Wie ein Duft, auch wenn er millionenfach abgefüllt wird, die Besonderheit eines Menschen kennzeichnen soll, so ist es auch mit der Schreibtinte. Welche Sie auswählen, ist vollkommen gleichgültig. Alle tun das, was sie sollen: Farbe auf dem Papier hinterlassen.

Aber es kommt darauf an, womit Sie schreiben: Eine breitere Feder braucht wohl eine Tinte, die an den Rändern changiert. Eine spitze Feder braucht Eindeutigkeit. Rot schreiben Lehrer (Fehler!). Und wer sich für das graublaue Tintenformat entscheidet, so heißt es, mag sich nicht entscheiden. Dabei können gerade diese Tinten wunderschöne Schatten entfalten. Es gibt Tinten, mit den sich der Füller quasi selbst reinigt, es gibt andere, da sollte man den Füller wirklich vor jedem Füllen spülen.

Und es kommt darauf an, was Sie schreiben wollen. Eine mit Füller beschriftete Postkarte sollte dem Postboten bei Regen nicht aus der Hand fallen oder auch nur Regentropfen abbekommen. Moderne Tinten verlaufen ganz schnell unter dem Einfluss von Wasser.

Es wäre spannend eine Psychologie der Tintenfarbennutzung zu entwickeln: Was will uns jemand sagen, der türkis oder violett schreibt? Oder bernsteinfarben, also kaum lesbar. Und ist, wer graue Tinte benutzt (es gibt da wunderschöne Schattierungen), womöglich ein Theoretiker? (Grau, edler Freund…)

Um nochmal zum Teufel zurückzukommen: Der schreibt heute gar nicht mehr selbst. Entweder hat er seine Unterschrift bereits eingescannt und lässt sie von seinen Unterteufeln einfach unter irgendwelche Druckwerke setzen. Oder er hat einen Schreibautomaten, der seine Unterschrift zigfach mit Eisengallustinte ausfertigt.

Nur im Fernsehen sieht manch bisweilen noch Leute, die wichtig einen Füller aufschrauben und dann bald vergessene Vereinbarungen unterschreiben.

Und dann bitte das Löschblatt nicht vergessen.
Michael Krämer

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