Ich will meine Texte wiederhaben!

von Michael Krämer

Ich will meine Texte wiederhaben!

Vor 25 Jahren habe ich eine Kindergeschichte geschrieben. Ich weiß noch i etwa, worum es ging: Um eine Amsel, die sich für einen Adler hielt und dass die anderen Vögel immer nur »aha« sagten und so weiter.

Diese Geschichte wollte ich meinen Enkeln schicken, die sind jetzt im Alter, dass sie etwas damit anfangen können. Ich hatte sie auch auf dem Rechner, da war ich mir sicher. Und schließlich habe ich sie sogar gefunden: Adler_Amsel.doc hieß sie. Eine doc-Datei, also Word, dachte ich. Stimmt. Ich hatte damals das erste Word-Programm, das noch unter MS-DOS lief, auf einem PC mit dem gigantischen Festplattenspeicher von 20 MB. Der Computer hat damals 6.000 DM gekostet. Das sollte fürs Leben reichen – dachte ich.

Sie lachen vermutlich jetzt. Mit Recht. Ich war entsetzt, denn als ich den Text mit dem neuesten Wordprogamm aufrief, bekam ich einen unentzifferbaren Buchstabensalat. Also habe ich im Internet nach Hilfsprogrammen gesucht. Alte Editoren geladen. Leider hatte Word immer schon sehr viele Befehle in seine Textverarbeitung eingebaut. Manches konnte ich plötzlich wieder lesen, aber arbeiten ließ sich damit nicht. Und die vormals so schöne Satz-Struktur war zum Teufel.

Die Entfernung all dieser merkwürdigen Zeichen hätte mich mehr Zeit gekostet, als alles neu zu schreiben. Und ich war mich gar nicht mehr so sicher, ob wirklich alle Sätze einwandfrei zu rekonstruieren wären.

Dann fiel mir plötzlich ein, dass ich seinerzeit die Geschichte in irgendein Heft geschrieben hatte. Und in den Tiefen meines Schreibtisches fand sich das Heft vom 18. August 1987 wieder.

Ich habe es aufgeschlagen. Ich konnte es lesen. Ich konnte abschreiben, vermutlich hätte ich es auch einscannen können. Zwischen dem Heft und meinen Augen gab es keinerlei Inkompatibilität. Es waren keine Sonderzeichen im Heft und keine Steuerungszeichen. Es waren einfach immer noch die Buchstaben, die ich seinerzeit – und dann kamen auch die Erinnerungen – in einer Kneipe in Leutkirch aufgeschrieben habe.

Handschrift .so scheint es, bleibt auch jenseits aller Entwicklungen im IT-Bereich immer lesbar. Denken Sie daran, wenn Sie ihre nächste Whatsapp verschicken. Schreiben Sie es sinnvollerweise vorsichtshalber auch auf, wenn es wichtig ist.

Zurück