Pics or it didn’t happen?

von Kerstin Karres

Was gibt dem Leben Würze - die digitale Bilderflut oder die persönliche Handschrift?

Schon den ganzen Tag hatte ich mich auf das Abendessen mit meinen Freunden bei unserem Lieblingsitaliener gefreut. Nach einer gefühlten Ewigkeit bringt der Kellner das Essen an unseren Tisch. Da ruft einer meiner Freunde: „Stoooopp!“ Verwirrt schaue ich ihn an - Stimmt etwas mit dem Essen nicht? „Erstmal ein Foto für Instagram“, erklärt er. Es scheint so als hätten wir mit dem Bild etwas zu beweisen: Pics or it didn’t happen. So heißt ein Spruch, der das neue Social-Media-Lebensgefühl auf den Punkt bringt. Aber was gibt unserem Leben wirkliche Würze? Die digitale Bilderflut - oder aber ein Stück persönliche Handschrift in einem Tagebuch oder einem Brief?  

In einer Zeit bevor jeder ein Smartphone mit Kamera zu jeder Zeit bei sich hatte, war eine Unterschrift noch ein Beweis, dass etwas tatsächlich geschehen ist. Es ist noch gar nicht so lange her, dass man Personen, die man beeindruckend findet, um ein Autogramm gebeten hat. Dieses war die Erinnerung an ein besonderes Erlebnis, die für immer bestehen bleibt. Indem man etwas Geschriebenes von dieser Person hatte, etwas was nur für einen selbst geschrieben ist, musste man für einen Moment die Aufmerksamkeit mit niemandem teilen. Wenn jemand heutzutage auf Twitter postet „Ich liebe euch. Ich werde euch immer dankbar sein.“ dann ist das zwar eine Liebesbekundung an die Follower, die auf den ersten Blick intim wirkt, wenn man sich aber klar macht, dass diese an Millionen Menschen adressiert ist, verliert es diesen einen Aspekt, den ein Autogramm eben hat: Diese Nachricht ist nur für mich! Dazu kommt, dass die Unterschrift von Hand auch als ein Kunstwerk, als der Ausdruck der Kreativität in Form der Schrift gesehen werden kann, und somit einen noch höheren Wert für den Empfänger bekommt.

Dies hat sich in den letzten Jahren jedoch drastisch geändert. Es scheint so, als würde es nicht um die Erinnerung an sich gehen, sondern viel mehr darum anderen Personen zu beweisen, dass etwas tatsächlich geschehen ist. Ganz nach dem Motto „Pics, or it didn’t happen“ wird ein Foto gefordert, ansonsten wird einer Person eine Geschichte nicht geglaubt. So einfach es auch ist, sich etwas auszudenken und damit zu prahlen, so einfach ist es auch die Motive dieser Person zu entlarven. Warum besteht das Bedürfnis die Anerkennung von Dritten für ein schönes Erlebnis zu bekommen? Dies scheint ein Trend zu sein, der durch soziale Medien stark beschleunigt wurde. Hatte ich wirklich einen schönen Abend, war ich wirklich um Urlaub, war ich wirklich auf der wichtigsten Party des Jahres, wenn es nicht auf Facebook und Instagram dokumentiert ist?

Ich frage mich jedoch, woher dieses Bedürfnis kommt, dass andere einem glauben. Woran habe ich gedacht, als ich um das Foto gebeten habe? Daran, dass ich es nachher Anderen zeigen oder online posten kann? Geht es nicht viel mehr um die Erfahrung an sich? Reicht es mir nicht ein schönes Erlebnis zu haben, wenn ich anderen nicht davon erzählen kann? Ein Sprichwort sagt, alles was schön ist, wird noch schöner wenn man es mit anderen teilt. Wenn ich also ein Foto mit einer Person, die ich bewundere, online mit meinen Facebook-Freunden teile, von denen ich 10% nicht kenne und 80% nicht mag, ist dieser Moment dann noch wertvoller? Die Antwort ist ein klares Nein. Dadurch dass wir ein Foto machen, leben wir für die Zukunft und für den Moment, wenn wir dieses wieder anschauen können. Aber viel mehr sollten wir doch den Moment an sich genießen indem wir im Hier-und-Jetzt leben.

Also sollten wir nicht aufhören unser Leben nach Bildern und Beweisen auszurichten? Sollten wir nicht lieber etwas genießen für uns selbst und nicht an die Zukunft und an Andere zu denken?

Hier können wir durch die Handschrift eine authentischere und wertvollere Kommunikation schaffen. Eine Alternative wäre es - mal ganz altmodisch - Tagebuch zu schreiben. Beim Schreiben sind wir frei von den Urteilen und Erwartungen der Anderen. Wir können nur für uns schreiben und uns in einer unvergleichbaren Weise ausdrücken indem wir unsere wirren und oftmals überwältigenden Gedanken zu Papier bringen. Von Hand einen Tagebucheintrag zu verfassen kann eine therapeutische Wirkung haben und vielleicht können wir uns unangenehme Dinge „aus dem Kopf schreiben“. Hinzu kommt, dass wir gezielter mit anderen Menschen kommunizieren können. Ein von Hand verfasster Brief wird unseren Freunden und Bekannten sicher mehr bedeuten als ein Online-Post, welcher für alle sichtbar ist.

Soziale Medien sind eine wunderbare Errungenschaft, die es uns leichter macht mit vielen Menschen einfacher in Kontakt zu bleiben und auch neue Kontakte zu knüpfen und ich möchte dies auf keinen Fall in meinem Leben missen. Sie helfen uns mit Gleichgesinnten auf der ganzen Welt in Kontakt zu treten und geben uns eine neue Möglichkeit uns orts- und zeitunabhängig mit einer neuen Gruppe zu identifizieren. Sie sind auf eine Art eine Auslebung der Demokratie, da jeder Mensch etwas beitragen kann und jeder gehört werden kann. Trotzdem ist es vielleicht manchmal sinnvoll sich klar zu machen, dass es auch noch Alternativen dazu gibt.

Das nächste Mal, wenn dir etwas Schönes passiert, dann mach‘ doch einfach mal kein Foto. Und das nächste Mal, wenn Du eine beeindruckende Person triffst, dann frag doch einfach mal nach einem Autogramm. (kk)

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